Hat Bitcoin den Tiefpunkt erreicht? On-Chain-Daten deuten auf Bodenbildungsbedingungen hin, doch eine Bestätigung steht noch aus

Märkte
Aktualisiert: 10.07.2026 05:17
  1. Juli 2026 — Laut Marktdaten von Gate liegt der Preis von Bitcoin (BTC) aktuell bei 63.985,3 US-Dollar, was einem Anstieg von 2,48 % in den vergangenen 24 Stunden entspricht. Im Wochenvergleich ergibt sich ein Plus von 0,72 % und innerhalb der letzten 30 Tage ein Zuwachs von 2,46 %. Betrachtet man jedoch den Zeitraum eines Jahres, notiert BTC weiterhin 45,66 % unter dem Stand des Vorjahres. Diese Zahlen verdeutlichen das zentrale Dilemma des Marktes: Ein kurzfristiger Aufschwung geht mit anhaltendem langfristigem Druck einher.

Nach einer starken Korrektur im Juni, in deren Verlauf Bitcoin kurzzeitig unter 60.000 US-Dollar fiel, erholte sich der Kurs von einem Tief bei rund 57.800 US-Dollar auf nahezu 64.000 US-Dollar. Dennoch weist das On-Chain-Analyseunternehmen Glassnode in seinem aktuellen Wochenbericht darauf hin, dass Bitcoin seit etwa fünf Monaten unter zwei wichtigen Durchschnittswerten gehandelt wird – dem True Market Mean bei 76.600 US-Dollar und der Short-Term Holder Cost Basis bei 72.200 US-Dollar. Das bedeutet, Bitcoin notiert derzeit mit einem Abschlag von etwa 16,5 % zum True Market Mean und 11,4 % unter der Short-Term Holder Cost Basis.

Glassnode bezeichnet diesen Zustand als „Deep Value Zone". Historisch betrachtet markiert eine derart lange Phase mit Kursen unter diesen beiden zentralen Durchschnittswerten einen seltenen Tiefpunktzyklus in der Geschichte von Bitcoin. Allerdings bedeutet „Deep Value" nicht automatisch einen „bestätigten Boden". Um den aktuellen Bodenbildungsprozess bei Bitcoin zu verstehen, ist eine Analyse der On-Chain-Daten, des institutionellen Verhaltens abseits der Blockchain sowie des Derivatemarktes erforderlich.

Makro-Umfeld: Risikoasset-Korrelationen im Kontext geopolitischer Schocks

Bevor wir uns den On-Chain-Daten widmen, ist es wichtig, zunächst zu verstehen, wie das derzeitige makroökonomische Umfeld auf Bitcoin wirkt.

In dieser Woche zeigten die Preise für WTI-Rohöl erhebliche Schwankungen. Ausgelöst durch militärische Spannungen zwischen den USA und Iran schnellten die Ölpreise zunächst deutlich nach oben, gaben jedoch wieder nach, nachdem US-Offizielle ihr Bekenntnis zu einer Grundsatzvereinbarung mit Iran und laufenden technischen Gesprächen bekräftigten. Am 10. Juli notierte WTI-Rohöl bei etwa 72,37 US-Dollar. Diese geopolitisch bedingten Preisschwankungen wirkten sich direkt auf die Bewertung von Risikoassets aus: Der S&P 500 stieg um 0,81 % auf 7.543,64 Punkte, während der Nasdaq Composite um 1,30 % auf 26.206,89 Punkte zulegte – ein Zeichen dafür, dass die Risikobereitschaft mit sinkenden Ölpreisen zurückkehrte.

Bitcoin spiegelte dieses Verhalten der Risikoassets wider: Unter Druck bei steigenden geopolitischen Risiken, erholte sich der Kurs mit abnehmender Spannung. Diese Korrelation ist zwar nicht überraschend, unterstreicht jedoch, dass die aktuelle Preisbildung von Bitcoin nicht nur durch On-Chain-Angebot und -Nachfrage, sondern auch durch makroökonomische Liquidität und geopolitische Risikoaufschläge beeinflusst wird.

Hinsichtlich der Liquidität sind die Signale gemischt. Die US-Geldmenge M2 hat mit 22,8 Billionen US-Dollar einen neuen Höchststand erreicht; historisch betrachtet profitieren Risikoassets von einer expansiven Geldpolitik. Gleichzeitig schrumpft die Bilanz der US-Notenbank weiter und liegt rund 2,0 Billionen US-Dollar unter dem Höchststand von 2023. Die Realrenditen bewegen sich weiterhin um 1 %, was bedeutet, dass die Opportunitätskosten für das Halten nicht verzinster Assets wie Bitcoin relativ hoch bleiben. Das makroökonomische Umfeld ist somit nicht vollständig verschlossen, aber auch nicht uneingeschränkt offen.

On-Chain-Daten: Fünf Monate in der Deep Value Zone und Kapitulation langfristiger Halter

Zurück zu den On-Chain-Kennzahlen: Das zentrale Merkmal des aktuellen Marktes ist, dass sich Bitcoin seit etwa fünf Monaten in der sogenannten „Deep Value Zone" bewegt.

Die beiden von Glassnode beobachteten Referenzwerte – der True Market Mean (76.600 US-Dollar) und die Short-Term Holder Cost Basis (72.200 US-Dollar) – repräsentieren die durchschnittlichen Einstiegskosten aktiver Investoren bzw. den Break-Even-Punkt für jüngste Käufer. Bleibt der Kurs über einen längeren Zeitraum unter beiden Niveaus, bedeutet das, dass sowohl erfahrene als auch neue Investoren im Durchschnitt Verluste verzeichnen.

Historisch ist eine derart langanhaltende Phase mit deutlichen Abschlägen bei Bitcoin selten. Glassnode betont, dass eine nachhaltige Akkumulation in dieser Discount-Zone – also dort, wo neues Kapital unterhalb der Kostenbasis von Neu- und Bestandsinvestoren einsteigt – in der Vergangenheit häufig den Grundstein für zyklische Böden gelegt hat. Für wertorientierte Investoren ist dieses Kursniveau aus Bewertungssicht attraktiv.

Entscheidend ist jedoch, die Hauptquelle des aktuellen Abwärtsdrucks zu identifizieren. Laut Glassnode sind es derzeit die langfristigen Halter (Adressen, die Coins seit mehr als 155 Tagen halten), die maßgeblich zu den realisierten Verlusten beitragen. Konkret:

Die Verluste langfristiger Halter steigen deutlich an. Anfang Februar 2026 machten sie etwa 15 % der gesamten realisierten Verluste im Netzwerk aus; Anfang Juli lag dieser Anteil bereits bei 43 %. Das heißt, von jedem realisierten Verlust in Höhe von 100 US-Dollar entfallen nun 43 US-Dollar auf die Kapitulation langfristiger Halter.

Tägliche realisierte Verluste erreichen ein neues Hoch seit Dezember 2022. Auf Basis eines 30-Tage-Durchschnitts kletterten die von langfristigen Haltern realisierten, adressbereinigten Verluste zuletzt auf etwa 280 Millionen US-Dollar pro Tag. Das ist der höchste Wert seit dem FTX-Kollaps und markiert die zweite große Kapitulationswelle dieser Gruppe im aktuellen Bärenmarkt.

Die Kapitulationswelle ist noch nicht abgeklungen. Anders als nach der ersten Welle ist derzeit keine nennenswerte Entspannung bei den realisierten Verlusten langfristiger Halter zu erkennen. Glassnode stellt klar: Solange dieser Indikator nicht signifikant zurückgeht, bleibt der Weg zu einem glaubwürdigen Bullenmarktregime versperrt.

Die Mikro-Logik dahinter: Investoren, die nahe dem Zyklus-Hoch 2024–2025 eingestiegen sind, sehen sich nach Monaten fallender Kurse immer wieder mit Belastungsproben für ihre Überzeugung konfrontiert. Jeder Versuch einer Kurserholung trifft auf erneute Verkäufe dieser im Minus liegenden Gruppe. Das erklärt, warum es Bitcoin bislang nicht gelungen ist, das obere Ende der Handelsspanne nachhaltig zurückzuerobern.

Wichtig ist zudem: Auch bei diesen deutlichen Abschlägen sind weitere Rückgänge in Richtung des Realisierten Preises – aktuell rund 53.000 US-Dollar – nicht auszuschließen. Der Realisierte Preis entspricht den durchschnittlichen On-Chain-Anschaffungskosten aller umlaufenden Bitcoin und dient im Bärenmarkt als verlässliche Unterstützungsmarke.

Off-Chain-Daten: ETF-Abflüsse verlangsamen sich, institutionelle Nachfrage bleibt schwankend

Abseits der Blockchain bieten die Kapitalflüsse in Spot-Bitcoin-ETFs einen weiteren Einblick in das institutionelle Interesse.

Die Nettoabflüsse haben sich verlangsamt, halten aber an. Der gleitende 30-Tage-Durchschnitt der Nettoflüsse bei US-Spot-Bitcoin-ETFs ist seit Mitte Mai negativ. Anfang Juni erreichten die täglichen Nettoabflüsse ihren Höchststand bei 193 Millionen US-Dollar, bevor sie sich auf etwa 88,9 Millionen US-Dollar einengten. Glassnode wertet die Verlangsamung als „vorsichtig positives Signal", betont jedoch, dass der Markt auf Monatsbasis weiterhin Nettoabflüsse verzeichnet. Eine Stabilisierung der institutionellen Nachfrage ist bislang nicht zu erkennen.

Das Handelsvolumen bleibt deutlich unter den Höchstständen des Bullenmarktes. Das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen der ETFs bewegt sich zwischen 650 Millionen und 950 Millionen US-Dollar. Damit entspricht es zwar dem Niveau des vierten Quartals 2024, liegt aber rund 80 % unter dem Höchststand von 4,4 Milliarden US-Dollar pro Tag im Oktober 2025. Das anhaltend niedrige Volumen zeigt, dass das Vertrauen der ETF-Investoren bislang nicht zurückgekehrt ist.

Logisch betrachtet ist eine Einengung der ETF-Abflüsse eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine Erholung der institutionellen Nachfrage. Zwei Signale sind erforderlich: ein nachhaltiger Anstieg des täglichen Handelsvolumens und eine Rückkehr der Nettoflüsse in den neutralen oder positiven Bereich. Beides ist derzeit noch nicht zu beobachten.

Derivatemarkt: Long-Positionierung und defensives Hedging nebeneinander

Die Signale aus dem Derivatemarkt sind differenzierter und lassen sich als „tendenziell bullisch, aber mit anhaltender Vorsicht" beschreiben.

Put/Call-Ratio fällt auf Jahrestief 2026. Das Open-Interest-Verhältnis von Put- zu Call-Optionen liegt bei 0,56 und damit so niedrig wie seit 2026 nicht mehr. Das bedeutet, auf jede Put-Option kommen etwa zwei Call-Optionen – ein Hinweis auf nachlassende Nachfrage nach bärischen Positionen. Die Finanzierungsraten für Perpetual Futures liegen weiterhin deutlich unter der neutralen Marke von 0,01 % und weit entfernt von Niveaus, die auf eine übermäßige Long-Positionierung hindeuten würden. Der Markt für Derivate hat somit einen Teil des Risikos abgebaut und tendiert vorsichtig in Richtung Bullenlager.

Options-Skew preist weiterhin Abwärtsrisiken ein. Anders als die Richtungssignale der Positionierung zeigt der 25-Delta-Skew (der Aufschlag für Puts gegenüber Calls) über alle Laufzeiten hinweg eine erhöhte Nachfrage nach Absicherung. Ende Juni stieg der kurzfristige Skew auf 24 % – das defensivste Niveau seit dem Ausverkauf im Februar. Händler zahlen also weiterhin für Absicherung gegen weitere Kursrückgänge, selbst wenn die Gesamtpositionierung leicht bullisch tendiert.

Spotpreis liegt unter dem Max-Pain-Punkt. Der aktuelle Bitcoin-Kurs notiert rund 6 % unter dem aggregierten Max-Pain-Punkt des Optionsmarktes (etwa 66.000 US-Dollar). Der Max-Pain-Punkt ist das Kursniveau, bei dem die meisten Optionen wertlos verfallen; häufig bewegt sich der Spotpreis vor Ablauf in diese Richtung. Der aktuelle Abschlag liegt im Mittelfeld des Jahres 2026 – weder so extrem wie beim Ausverkauf im Februar noch ein klares Signal für eine Trendwende nach oben.

Volatilität nahe 12-Monatstief. Der DVOL-Volatilitätsindex von Bitcoin bewegt sich nahe dem Tiefststand der vergangenen zwölf Monate. Dieses Niedrigvolatilitätsregime ist von Vorsicht geprägt, auch wenn diese langsam nachlässt. Das Volatilitätsprofil der Optionen zeigt, dass die Prämien für 1-Monats-Puts im Zuge der Erholung deutlich gesunken sind; die implizite Volatilität von 5 % aus dem Geld liegenden Puts ist spürbar gefallen. Der Markt preist weiterhin Abwärtsrisiken ein, doch die absoluten Absicherungskosten sind merklich zurückgegangen.

Fazit

Über alle Ebenen hinweg – On-Chain, Off-Chain und Derivate – zeigt sich der Bitcoin-Markt aktuell in einem klassischen „späten Bärenmarkt"-Muster.

On-Chain bestätigen fünf Monate in der Deep Value Zone und 280 Millionen US-Dollar an täglichen realisierten Verlusten durch langfristige Halter, dass eine Umverteilung des Angebots im Gange ist. Doch wie Glassnode betont, ist eine nachhaltige Beruhigung dieses Kapitulationsindikators Voraussetzung für einen glaubwürdigen Regimewechsel.

Off-Chain haben sich die ETF-Nettoabflüsse seit ihrem Höchststand im Juni zwar verengt, doch die monatlichen Flüsse bleiben negativ und das tägliche Handelsvolumen liegt weiterhin rund 80 % unter dem Hoch von Oktober 2025 – institutionelle Überzeugung ist somit bislang nicht zurückgekehrt.

Bei den Derivaten signalisiert die Put/Call-Ratio auf Jahrestief ein nachlassendes bärisches Interesse, doch Skew und Volatilitätsstruktur preisen weiterhin signifikante Abwärtsrisiken ein.

Das Fazit: Die grundlegenden Bedingungen für einen Boden bei Bitcoin bilden sich heraus, aber Bestätigungssignale stehen noch aus. Der Markt muss eine weitere Beruhigung der Kapitulation langfristiger Halter, eine Stabilisierung der institutionellen Kapitalflüsse und eine nachhaltige Rückeroberung des True Market Mean beim Preis sehen. Bis dahin befindet sich Bitcoin weiterhin „im Bodenbildungsprozess" und hat noch keinen bestätigten Boden erreicht.

Für Marktteilnehmer ist es in dieser Phase entscheidend, nicht zu beurteilen, „ob der Boden bereits erreicht ist", sondern jene Signale zu identifizieren, die die Beweiskette für eine Bodenbestätigung bilden. Die drei wichtigsten Indikatoren – Rückgang der Verluste langfristiger Halter, Rückkehr der ETF-Nettoflüsse in den neutralen Bereich und eine Rückeroberung des True Market Mean beim Preis – werden in den kommenden Wochen und Monaten die entscheidenden Variablen sein.

FAQ

F1: Auf welchem Kursniveau notiert Bitcoin aktuell?

Am 10. Juli 2026 liegt der Bitcoin-Preis bei 63.985,3 US-Dollar, ein Anstieg von 2,48 % in den vergangenen 24 Stunden und 2,46 % in den letzten 30 Tagen. Der Kurs hat sich vom Juni-Tief bei rund 57.800 US-Dollar erholt, notiert aber weiterhin deutlich unter dem True Market Mean von 76.600 US-Dollar und der Short-Term Holder Cost Basis von 72.200 US-Dollar.

F2: Was ist die „Deep Value Zone"?

Glassnode definiert die „Deep Value Zone" als einen Zustand, in dem der Kurs sowohl unter dem True Market Mean (76.600 US-Dollar) als auch unter der Short-Term Holder Cost Basis (72.200 US-Dollar) liegt. Bitcoin handelt seit etwa fünf Monaten in dieser Zone – eine der längsten Deep-Value-Phasen in der Geschichte der Kryptowährung.

F3: Warum verkaufen langfristige Halter derzeit verstärkt?

Der Anteil der realisierten Verluste von langfristigen Haltern (Coins seit mehr als 155 Tagen gehalten) ist von 15 % im Februar auf 43 % gestiegen, mit täglichen realisierten Verlusten von rund 280 Millionen US-Dollar – dem höchsten Stand seit Dezember 2022. Die meisten dieser Investoren sind nahe dem Zyklus-Hoch eingestiegen und sehen sich nach Monaten fallender Kurse gezwungen, Verluste zu realisieren.

F4: Wie entwickeln sich die Kapitalflüsse bei Bitcoin-ETFs?

Der gleitende 30-Tage-Durchschnitt der Nettoabflüsse bei US-Spot-Bitcoin-ETFs hat sich vom Höchstwert von 193 Millionen US-Dollar pro Tag Anfang Juni auf 88,9 Millionen US-Dollar pro Tag verringert. Die monatlichen Flüsse bleiben jedoch negativ, und das tägliche Handelsvolumen von 650 Millionen bis 950 Millionen US-Dollar liegt rund 80 % unter dem Hoch von Oktober 2025.

F5: Welche Signale sind für eine Bodenbestätigung notwendig?

Glassnode betont, dass drei zentrale Signale für eine Bodenbestätigung erforderlich sind: eine weitere Abkühlung der Kapitulation langfristiger Halter, eine Stabilisierung der ETF-Kapitalflüsse (Nettoflüsse zurück in den neutralen Bereich) und ein nachhaltiger Bitcoin-Kurs oberhalb des True Market Mean (76.600 US-Dollar). Bisher sind diese Bedingungen noch nicht vollständig erfüllt.

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